Was ist funktionelle Orthopädie?

Ganganalyse als Schlüssel zur orthopädischen Diagnostik

Viele Hundebesitzer stellen uns eine zentrale Frage: Was ist eigentlich eine Ganganalyse? Und was bedeutet „funktionelle Orthopädie“?

Die funktionelle Orthopädie geht weit über das klassische Erfassen struktureller Veränderungen hinaus. Während Röntgen, CT oder MRT den Aufbau von Knochen und Gelenken zeigen, beleuchtet die funktionelle Orthopädie die Bewegungsqualität: also wie sich der Hund bewegt, welche Gelenke wie stark beteiligt sind, und wo Kompensationen oder Fehlbelastungen entstehen.

Strukturelle vs. funktionelle Befunde

Die klassische Orthopädie befasst sich mit dem Bewegungsapparat: Knochen, Gelenke, Muskeln, Sehnen und Bänder. Findet man dort Schädigungen oder Abnutzungen, sprechen wir von strukturellen Befunden. Dazu gehören zum Beispiel Arthrosen, Bandscheibenvorfälle oder Sehnenrupturen.

Die funktionelle Orthopädie hingegen fragt: Wie wirkt sich diese Strukturveränderung auf das Bewegungsmuster aus? Oder: Wo entstehen Belastungen, obwohl im Bildgebungsverfahren (noch) kein Schaden sichtbar ist?

Dabei zeigt sich immer wieder: Der Grad der strukturellen Veränderung sagt nichts über das Ausmass der Lahmheit aus. Es gibt Hunde mit hochgradiger Arthrose, die vollkommen beschwerdefrei laufen und andere mit geringen Befunden, die deutlich hinken. Entscheidend ist die funktionelle Konsequenz im Bewegungsablauf, also wie stark ein Gelenk entlastet, kompensiert oder durch andere Strukturen abgefedert wird.

Gerade hier zeigt die funktionelle Orthopädie ihren Wert: Sie erlaubt es, subtile, aber klinisch relevante Veränderungen zu erfassen, die mit blossem Auge nicht sichtbar sind oder in bildgebenden Verfahren wie Röntgen, CT oder MRT übersehen werden oder schlicht nicht vorhanden sind. Die IMU-gestützte Ganganalyse ist dabei mindestens zehnmal sensibler als das geschulte menschliche Auge, bei Laien liegt die Differenz sogar noch deutlich höher.

Beispiel: Der partielle Kreuzbandriss

Wenn ein Hund einen partiellen Kreuzbandriss im linken Knie hat, wird dieses Gelenk schmerzbedingt weniger belastet. Die Folge: Die rechte Beckengliedmasse, der Rumpf und oft auch die Vorhand übernehmen kompensatorisch mehr Arbeit. Diese Umverteilung ist klinisch nicht immer sichtbar, sie zeigt sich aber deutlich in der Ganganalyse.

Mit blossem Auge oder in der Bildgebung bleibt dieser Prozess häufig verborgen. Die veränderten Belastungsverhältnisse können aber langfristig zu sekundären Problemen führen, z.B. Verspannungen in der Lendenwirbelsäule, asymmetrischem Muskelaufbau oder Überlastungsarthrosen in der gegenüberliegenden Hüfte. Nur durch eine objektive Ganganalyse lassen sich solche funktionellen Zusammenhänge frühzeitig erkennen, bevor strukturelle Folgeschäden entstehen.

Die Rolle der Ganganalyse

Hier kommt die Ganganalyse von LupoGait ins Spiel. Mit IMUs analysieren wir das Gangbild objektiv und evidenzbasiert. Dabei erfassen wir:

  • Bewegungsausmass und -richtung einzelner Gelenke
  • Belastungsphasen der Gliedmassen
  • Kompensationsmuster und Verlagerungen
  • Asymmetrien in Stand- und Schwungphasen

Die Sensoren messen bis zu 34 biomechanische Parameter gleichzeitig, darunter Gelenkwinkel, Bewegungssymmetrie, Range of Motion, Frequenz und mehr. Besonders wertvoll ist die Möglichkeit, kleinste funktionelle Abweichungen sichtbar zu machen, die klinisch nicht erkennbar sind und auf bildgebenden Verfahren häufig fehlen. Das eröffnet neue Wege in der Früherkennung von orthopädischen Erkrankungen, noch bevor strukturelle Veränderungen manifest werden. Durch die Standardisierung der Messungen lässt sich die Gangqualität auch im Therapieverlauf zuverlässig kontrollieren. So kann z. B. nach einer Leitungsanästhesie oder orthopädischen Behandlung der unmittelbare Effekt auf das Gangbild objektiv dargestellt werden, inklusive Vorher-Nachher-Vergleich.

Die Ganganalyse mit LupoGait wird dabei nicht isoliert, sondern immer im Zusammenspiel mit der klinischen Untersuchung, der orthopädischen Palpation und, falls nötig, bildgebender Diagnostik interpretiert. Dieses integrative Vorgehen stärkt die Aussagekraft und vermeidet Fehldiagnosen.

Sie bildet damit einen zentralen Teil der funktionellen Orthopädie. Sie zeigt, wie sich ein Hund bewegt, nicht nur was strukturell betroffen ist. Und sie erlaubt eine fundierte Entscheidung darüber, ob, was und wie behandelt werden sollte.

Weitere Bausteine der funktionellen Orthopädie

Manuelle orthopädische Untersuchung

Beweglichkeit

Palpation

Gelenkspiel

Schmerzreaktionen

Leitungsanästhesie
Leitungsblock / Ringblock

Durch gezielte Schmerzausschaltung (z. B. eines Gelenks) kann man vergleichen, wie sich das Bewegungsmuster verändert. 

Besonders hilfreich bei multiplen Verdachtsmomenten (z. B. HD und Cauda Equina). 

Diese Methode liefert besonders dann wertvolle Hinweise, wenn bildgebende Verfahren (CT/MRT) keine klare Schmerzursache zeigen.

Priorisierung bei multiplen Befunden

Welche Struktur ist hauptverantwortlich
für das Schmerzgeschehen?

Was ist primär, was sekundär?

Kontrolle des Verlaufes und Therapieerfolges

Hat die Therapie objektiv Wirkung gezeigt? 

Gibt es eine messbare Verbesserung der Beweglichkeit oder Symmetrie?

Ausführlich zu den Bausteinen der funktionellen Orthopädie

Ein zentrales Element ist die manuelle orthopädische Untersuchung. Sie umfasst die gezielte Beurteilung von Beweglichkeit, Gelenkspiel und Schmerzreaktionen einzelner Regionen. Dabei wird überprüft, ob sich ein Gelenk frei strecken oder beugen lässt, ob es Widerstände oder Blockaden gibt oder ob der Hund bei bestimmten Bewegungen Schmerz zeigt. Gerade in Kombination mit der Ganganalyse hilft dieser Befund, funktionelle Einschränkungen korrekt einzuordnen.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist die sogenannte Leitungsanästhesie. Hierbei wird eine bestimmte Region oder ein Gelenk gezielt betäubt, z.B. ein Hüftgelenk, ein Knie oder ein Abschnitt der Wirbelsäule. Danach erfolgt unmittelbar eine erneute Ganganalyse. Verändert sich das Bewegungsmuster signifikant, gibt dies einen direkten Hinweis darauf, woher die Schmerzreaktion stammt. Besonders bei multiplen Verdachtsmomenten, beispielsweise einer Kombination aus Hüftdysplasie und Cauda-Equina-Kompression, liefert dieses Vorgehen wertvolle Erkenntnisse. Es ist insbesondere dann entscheidend, wenn bildgebende Verfahren wie CT oder MRT keinen eindeutigen strukturellen Schaden zeigen, der das beobachtete Schmerzverhalten erklären würde.

Die Priorisierung bei multiplen Befunden ist ein weiterer zentraler Schritt: Was ist die primäre Schmerzursache und was sind sekundäre oder tertiäre Reaktionen? Häufig finden wir in der Orthopädie mehrere Auffälligkeiten gleichzeitig, etwa Arthrose in der Hüfte und Veränderungen an der Wirbelsäule. Ohne funktionelle Untersuchung ist kaum zu beurteilen, welches Problem aktuell im Vordergrund steht. Die Kombination aus Palpation, Ganganalyse und Leitungsblock liefert hier die nötige Differenzierung.

Auch Verlaufsbeobachtung und Therapiekontrolle sind integraler Bestandteil der funktionellen Orthopädie. Statt sich nur auf subjektive Einschätzungen oder sichtbare Lahmheit zu verlassen, ermöglicht die Ganganalyse eine objektive Messung von Verbesserungen, z.B. bei Symmetrie, Bewegungsumfang oder Belastungsverhalten. So kann die Wirkung einer Behandlung verlässlich überprüft und dokumentiert werden. Das schafft nicht nur mehr Sicherheit in der klinischen Einschätzung, sondern erlaubt auch eine präzisere Planung von Rehabilitationsmassnahmen.

Fallbeispiel

Ein dreijähriger Königspudel wurde mit einer seit neun Monaten bestehenden Lahmheit der rechten Hintergliedmaße vorgestellt. Auffällig war, dass die Beschwerden vor allem nach Ruhephasen (z. B. beim Aufstehen) oder intensiver Belastung auftraten.

Trotz umfangreicher Vorabklärungen, inklusive Röntgen, MRT der Cauda equina und orthopädischem Ultraschall, konnte keine klare Diagnose gestellt werden. Die Symptome blieben bestehen.

Bei der Gangbildanalyse fiel ein unregelmäßiges Bewegungsschema der rechten Hinterhand auf. Es zeigte sich ein deutlicher Varus (O-Beinstellung) im rechten Knie, kombiniert mit einer Hypermetrie der Vorhand und einem unphysiologischen Bewegungsmuster im Schultergürtel („PullMove“). Im Sitzen war eine deutliche Linksverkippung sichtbar.

Kinematik VOR dem Ringblock

Die orthopädische Untersuchung bestätigte die Auffälligkeiten: asymmetrische Beckenstellung, Muskelrückbildung, Einschränkungen in der Knie-Rotation und Schmerzreaktionen. Bildgebung blieb weiterhin unauffällig, bis auf einen geringen Gelenksäbus im Knie, nicht eindeutig.

Die kinematische Analyse zeigte eine unregelmässige Stand- und Schwungphase, insbesondere eine asymmetrische Armbeinnahme. Belastungstests wie Kniebeugen mit Innenrotation führten zu einer deutlichen Schmerzreaktion.

Erst eine gezielte Leitungsanästhesie (Ringblock des Knies) brachte die entscheidende Wende: Nach der Betäubung veränderte sich das Gangbild signifikant. Der Hund konnte den „PullMove“ vermeiden, die Standphase der Vorhand stabilisierte sich, ein deutlicher Hinweis auf die funktionelle Ursache im Knie.

Kinematik NACH dem Ringblock

Der Fall zeigt exemplarisch, wie wichtig die funktionelle Diagnostik, vor allem Ganganalyse und Leitungsanästhesie ist, wenn bildgebende Verfahren keine klare Ursache liefern. Nur durch die Kombination beider Methoden konnte in diesem Fall eine gezielte Therapieentscheidung getroffen werden.


Eine ausgewogene Bewegung unterstützt die gesunde Entwicklung von Welpen und kann Fehlstellungen oder Erkrankungen vorbeugen. Unser Workshop bietet Ihnen wertvolles Wissen und praktische Tipps, um Ihrem Hund den besten Start ins Leben zu ermöglichen.


Jetzt zum Online-Workshop anmelden & Ihrem Welpen den besten Start ins Leben ermöglichen!

Erfahren Sie, wie viel und welche Bewegung Ihr Welpe wirklich braucht, ganz flexibel von Zuhause aus! Unser virtueller Workshop mit Dr. med. vet. Patrick Blättler Monnier bietet Ihnen fundiertes Wissen über die optimale Bewegungsentwicklung von Welpen.

Das Beste daran:
 Der Workshop ist 100 % online und kann jederzeit & von überall abgerufen werden! Lernen Sie in Ihrem eigenen Tempo und setzen Sie das Wissen direkt in den Alltag mit Ihrem Welpen um.

Welpenbewegung